Gedichte Natur & Schöfung


Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt,
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott, dem Herrn.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Im Leben gilt der Stärke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kühne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht,
Sonst geht es ganz erträglich schlecht
Auf dieser Erdenbühne.
Doch wie es wäre, fing der Plan
Der Welt nur erst von vornen an,
Ist in Moralsystemen
Ausführlich zu vernehmen.

»Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Drum flieht der wilden Wölfe Stand
Und knüpft des Staates daurend Band.«
So lehren vom Katheder
Herr Pufendorf und Feder.

Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu allen dringet,
So übt Natur die Mutterpflicht
Und sorgt, daß nie die Kette bricht
Und daß der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

Waldlied

Arm in Arm und Kron' an Krone steht der Eichenwald verschlungen,
Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.

Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen,
Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;

Kam es her in mächt'gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen,
Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen.

Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften,
Und dazwischen knarrt' und dröhnt' es unten in den Wurzelgrüften.

Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine,
Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine!

Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen;
Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen.

Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise,
Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.

In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder,
In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.

Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken,
Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.

Gottfried Keller

 

 

 

Großer Geist,
gib uns Herzen, die verstehen:
nie von der Schöpfung mehr zu nehmen als wir geben,
nie mutwillig zu zerstören zur Stillung unserer Gier,
nie zu verweigern unsere Hand,
wo es gilt, der Erde Schönheit aufzubauen,
nie von ihr zu nehmen,
wes wir nicht bedürfen.

Indianische Weisheit

 

 

 

 

Eppich

Eppich, mein alter Hausgesell,
Du bist von jungen Blättern hell,
Dein Wintergrün, so still und streng,
Verträgt sich's mit dem Lenzgedräng?

"Warum denn nicht? Wie meines hat
Dein Leben alt und junges Blatt
Eins streng und dunkel, eines licht
Von Lenz und Lust! Warum denn nicht?"

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

Wenn der Wald im Winde rauscht,
Blatt mit Blatt die Rede tauscht,
möcht ich gern die Blätter fragen:
Tönt ihr Wonnen? Tönt ihr Klagen?

Springt der Waldbach talentlang,
mit melodischem Gesang,
frag ich still in meinem Herzen:
Singt er Wonne? Singt er Schmerzen?

Justinus Kerner

 

 

 

Die Luft ist blau,
das Tal ist grün.
Die kleinen Maienglöckchen blühn.
Und Schlüsselblumen drunter,
Der Wiesengrund
ist schon so bunt
Und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,
Und freue sich der schönen Welt
Und Gottes Vatergüte,
Die diese Pracht
Hervorgebracht,
Den Baum und seine Blüte.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty

 

 

 


Rätsel

Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur ein Mänt'lein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein?

Das Männlein steht im Walde auf einem Bein
Und hat auf seinem Haupte schwarz Käpplein klein,
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem kleinen, schwarzen Käppelein ?

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

 

 

Abendbild

Friedlicher Abend senkt sich aufs Gefilde;
Sanft entschlummert Natur, um ihre Züge
Schwebt der Dämmerung zarte Verhüllung, und sie
Lächelt die Holde;

Lächelt, ein schlummernd Kind in Vaters Armen,
Der voll Liebe zu ihr sich neigt, sein göttlich
Auge weilt auf ihr, und es weht sein Odem
Über ihr Antlitz.

Nikolaus Lenau

 

 

 

Morgenandacht

Sehnsucht hat mich früh geweckt;
wo die alten Eichen rauschen,
hier am Waldrand hingestreckt,
will ich dich, Natur, belauschen.

Jeder Halm steht wie erwacht;
grüner scheint das Feld zu leben,
wenn im kühlen Tau der Nacht
warm die ersten Strahlen beben.

Wie die Fülle mich beengt!
so viel Großes! so viel Kleines!
wie es sich zusammendrängt
in ein übermächtig Eines!

Wie der Wind im Hafer surrt,
tief im Gras die Grillen klingen,
hoch im Holz die Taube gurrt,
wie die Blätter alle schwingen,

wie die Bienen taumelnd sammeln
und die Käfer lautlos schlüpfen -
oh Natur! was soll mein Stammeln,
seh ich all das dich verknüpfen:

wie es mir ins Innre dringt,
all das Große, all das Kleine,
wie's mit mir zusammenklingt
in das übermächtig Eine!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Die scheinheiligen Dichter

Ihr kalten Heuchler, sprecht von den Göttern nicht!
Ihr habt Verstand! ihr glaubt nicht an Helios,
Noch an den Donnerer und Meergott;
Tot ist die Erde, wer mag ihr danken? –

Getrost, ihr Götter! zieret ihr doch das Lied,
Wenn schon aus euren Namen die Seele schwand.
Und ist ein großes Wort vonnöten,
Mutter Natur! so gedenkt man deiner.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

 

 

Und der Gott sprach zum dem Teufel:
Ich der Herr kopier mich selber,
Nach der Sonne mach ich Sterne,
Nach den Ochsen mach ich Kälber,
Nach den Löwen mit den Tatzen
Mach ich kleine liebe Katzen,
Nach den Menschen mach ich Affen;
Aber du kannst gar nichts schaffen.

Ich hab mir zu Ruhm und Preis erschaffen
Die Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;
Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen,
Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.

Heinrich Heine
 

 

 

 

Und ist ein großer Durchgang denn mein Leben
Durch deinen Tempel, herrliche Natur,
So ward mir doch ein schöner Trieb gegeben,
Vom Höchsten zu erforschen jede Spur.
So tränkt mich doch, bin ich auch selbst vergänglich,
Ein Quell, der ewig ist und überschwenglich.

Christian Friedrich Hebbel

 

 

 

 

Im Grünen zu Singen

War der Himmel trüb und schwer,
Waren einsam wir so sehr
Voneinander abgeschnitten!
Aber das ist nun nicht mehr:
Lüfte fließen hin und her;
Und die ganze Welt inmitten
Glänzt, als ob sie gläsern wär.

Sterne kamen aufgegangen,
Flimmern mein und deinen Wangen,
Und sie wissen's auch:
Stark und stärker wird ihr Prangen;
Und wir atmen mit Verlangen,
Liegen selig wie gefangen,
Spüren eins des andern Hauch.

Hugo von Hofmannsthal
 

 

 

 

Waldesstimme

Wie deine gründgoldenen Augen funkeln,
Wald, du mosiger Träumer!
Wie deine Gedanken dunkeln,
Einsiedel, schwer von Leben,
Saftseufzender Tagesverträumer!

Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Wie's Atem holt und näher braust.
Und weiter zieht - und stille wird - und saust.

Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Hoch droben steht ein ernster Ton,
Dem lauschten tausend Jahre schon,
Und werden tausen Jahre lauschen ...
Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.

Peter Hille
 

 

 

 

Die Insel

Dort lag sie klein eine flache Au,
Von Anemonen und Veilchen blau
Wie ein Estrich bedeckt.
Ihr Dach war aus Blatt und aus Blüten gewebt,
Von des Sommers Atem lind nur umschwebt,
Wo Sonne und Regen und Sturmesgebraus
Den Weg nicht erzwang in dies dämmernde Haus.
Ein Geschmeide von Wesen und Tannen bunt,
Umspült von der Flut, die dunkel erblaut,
Weil Felsen und Wolken ernst ihn beschaut,
Eines Sees purpurnen Grund.

Hermann Oeser
 

 

 

 

Gebet auf den Bergen

 

Die Berge sind die Festaltäre,
Darauf der Sonne Feuer rollt,
Wo edler Herzen freud'ge Zähre
Das Opfer frommen Dankes zollt.

Ich knie' auf deinen stillen Hügeln,
Natur! von dir allein belauscht,
Und betend fühl ich, daß auf Flügeln
Der Geist der Liebe mich umrauscht.

Wie sich dem Sohn aus Judas Stamme
Der Herr im Feuerbusch gezeigt,
So in des Waldes grüner Flamme
Seh' ich dein Wesen mir geneingt.

Im Spiegel jener klaren Flüsse
Erkenn' ich deines Auges Licht,
Und in der Blume, die ich küsse,
Küß ich dein heil'ges Angesicht!

Adolf Böttger
 

 

 

 

Ist um mich her ein wildes Brausen,
Als wogte Wald und Felsengrund,
Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,
Die Wasserfülle sich zum Schlund,
Berufen, gleich das Tal zu wässern;
Der Blitz, der flammend niederschlug,
Die Atmosphäre zu verbessern,
Die Gift und Dunst im Busen trug –
Sind Liebesboten, sie verkünden,
Was ewig schaffend uns umwallt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

Natur

 

Wenn immer sie mich fragen,
Ob ich ein Freund sei der Natur,
Was soll ich ihnen nur
Dann sagen?

Ich kann eine Bohrmaschine,
Einen Hosenträger oder ein Kind
So lieben wie Blumen oder Wind.

Ein Sofa ist entstanden,
So wie ein Flußbett entstand,
Wo immer Schiffer landen,
Finden sie immer nur Land.

Es mag ein holder Schauer
Nach einem Erlebnis in mir sein.
Ich streichle eine Mauer
Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.

Und keiner von den Steinen
Nickt mir zurück.

Und manche Leute weinen
Vor Glück.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Bist du erschöpft, bedeckt von Leid,
Von dem du gern dich säh'st befreit,
Und möchtest lernen du erhab'ne Lehren,
Vom Herzen Schwäche, Schlaf vom Geist zu wehren:
Zu Berg und Wald geh'! Der Natur
Gesicht trübt keine Tränenspur.

Henry Wadsworth Longfellow

 

 

 

Natur

Nacht fließt in Tag und Tag in Nacht,
Der Bach zum Strom, der Strom zum Meer –
Im Tod zerrinnt des Lebens Pracht,
Und Tod zeugt Leben, licht und hehr.

Und jeder Geist, der brünstig strebt,
Dringt wie ein Quell in alle Welt,
Was du erlebst, hab ich erlebt,
Was mich erhellt, hat dich erhellt.

All sind wir eines Baums Getrieb,
Ob Ast, ob Zweig, ob Mark, ob Blatt –
Gleich hat Natur uns alle lieber,
Sie unser aller Ruhestatt.

Heinrich Hart

 

 

 

Strandlust

Gern bin ich allein an des Meeres Strand,
Wenn der Sturmwind heult und die See geht hohl,
Wenn die Wogen mit Macht rollen zu Land,
O wie wird mir so kühn und so wonnig und wohl!

Die segelnde Möwe, sie ruft ihren Gruß
Hoch oben aus jagenden Wolken herab;
Die schäumende Woge, sie leckt meinen Fuß,
Als wüßten sie beide, wie gern ich sie hab'.

Und der Sturm, der lustig das Haar mir zaust,
Und die Möw' und die Wolke, die droben zieht,
Und das Meer, das da vor mir brandet und braust,
Sie lehren mich alle manch herrliches Lied.

Doch des Lebens erbärmlicher Sorgendrang,
O wie sinkt er zurück, wie vergess' ich ihn,
Wenn die Wogenmusik und der Sturmgesang
Durch das hoch aufschauernde Herz mir ziehn!

Hermann Ludwig Allmers

 

 

 

Du warest mir ein täglich Wanderziel,
Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen;
Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.

Und wieder such' ich dich, du dunkler Hort,
Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen -
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag' und Jubel. Ich will lauschen.

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

Es färbte sich die Wiese grün

Es färbte sich die Wiese grün
Und um die Hecken sah ich blühn,
Tagtäglich sah ich neue Kräuter,
Mild war die Luft, der Himmel heiter.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Und immer dunkler ward der Wald
Auch bunter Sänger Aufenthalt,
Es drang mir bald auf allen Wegen
Ihr Klang in süßem Duft entgegen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Es quoll und trieb nun überall
Mit Leben, Farben, Duft und Schall,
Sie schienen gern sich zu vereinen,
Daß alles möchte lieblich scheinen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
Der alles so lebendig macht
Und der mit tausend schönen Waren
Und Blüten sich will offenbaren?
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Vielleicht beginnt ein neues Reich
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
Der Baum nimmt tierische Gebärden
Das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Wie ich so stand und bei mir sann,
Ein mächt'ger Trieb in mir begann.
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
Sie dankte, das vergeß ich nie
Ich mußte ihre Hand erfassen
Und Sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Uns barg der Wald vor Sonnenschein
Das ist der Frühling, fiel mir ein.
Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Götter werden.
Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Novalis

 

 

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne
Die liebt' ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
Sie selber, aller Liebe Bronne,
Ist Rose und Lilie und Taube und Sonne.

Heinrich Heine

 

 

 


Ruf

Immer stiller stehn die Bäume,
Nicht ein Blatt mehr scheint zu leben,
Und ich fühle Wüstenträume
Durch den bangen Mittag beben,

Bis ins bange Blut mir zittern,
Bis ins Herz, wie Feuerpfeile.
O, ich lechze nach Gewittern!
Komm, Geliebte! Eile! Eile!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

 

Arm Kräutchen

 

Ein Sauerampfer auf dem Damm
stand zwischen Bahngeleisen,
machte vor jedem D-Zug stramm,
sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm,
schwindsüchtig und verloren,
ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
sah Eisenbahn um Eisenbahn,
sah niemals einen Dampfer.

Joachim Ringelnatz

 

 

Vom Kirschbaum

Ist alles ganz kahl und still,
nicht mal im Grase sich's regen will,
steht alles geduckt,
klappert im Frost und muckt
mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,
aber keines gibt was drauf.
Doch im Garten
sagt einer: Ich kann warten.
Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,
so dünn ist er worden: der Kirschenbaum.
Schläft er nicht?
Trau einer dem Wicht!
Heute mittag um eins
gab's mal ein Pröbchen Sonnenscheins:
Darin - ich habe
das deutlich gesehn -
mit seinen Knospen
fingerte der alte Knabe,
ein wenig vorsichtig und geziert,
wie man Badewasser probiert.
Und über seine Runzeln
ging ein Schmunzeln.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius

 

 

 

Die Riesin

 

Zur Zeit, als die Natur, von wilder Kraft durchdrungen,
Gewaltige Kinder trug, hätt ich nach meinem Sinn
Bei einer Riesin gern gelebt, bei einer jungen,
Wie eine Katze streicht um eine Königin.

Wie Leib und Seele ihr bei grimmem Spiel erblühten
Und wuchsen, hätt ich gern erschaut von Anbeginn,
Erspäht, wie in der Brust ihr finstre Flammen glühten
Und Nebel traumhaft zog durch ihre Augen hin.

Mit Muße hätte ich erforscht die prächtigen Glieder,
Gestiegen wäre ich die stolzen Kniee nieder,
Und oft im Sommer, wann der Sonnen kranker Strahl

Sie müde hingestreckt quer durch die weiten Wiesen,
Hätt ich geschlummert in der Brüste Schattental,
Gleich wie ein friedlich Dorf am Fluß von Bergesriesen.

Charles Baudelaire

 

 

 

Es kamen grüne Vögelein
Geflogen her vom Himmel,
und setzten sich im Sonnenschein
In fröhlichem Gewimmel
All an des Baumes Äste,
Und saßen da so feste
Als ob sie angewachsen sein.

Sie schaukelten in Lüften lau
Auf ihren schwanken Zweigen,
Sie aßen Licht und tranken Tau,
Und wollten auch nicht schweigen,
Sie sangen leise, leise
Auf ihre stille Weise
Von Sonneschein und Himmelblau...

Friedrich Rückert

 

 

 

Eine Stimmung aus dem vierten Kreis

Zwei Hände, die so weiß, so weiß
als wie ein schlohweiß Laken.
vereinten sich im vierten Kreis,
während sie sonst gewohnterweis
in zwei verschiedenen Taschen staken.

Sie zitterten, jedoch nur leis,
als ob sie vor sich selbst erschraken.
sie fühlten sich auf fremdem Gleis,
und dennoch taten sie mit Fleiß
sich ineinanderhaken.

Christian Morgenstern

 


Ein jedes Blatt im Buch der Weltgeschichte
Macht euer heillos Lehrsystem zunichte,
Ihr Frevler, deren Glaubenskatechismus
Die Welt versenkt in Nacht und Mystizismus!
Zum wahren Heile führt die Menschheit nur
Der ew'ge Katechismus der Natur!

Fridolin Krasser

 

 

 

Das macht den Menschen glücklich,
Das macht den Menschen matt,
Wenn er drei sehr schöne Geliebte
Und nur zwei Beine hat.

Der einen lauf ich des Morgens,
Der andern des Abends nach;
Die dritte kommt zu mir des Mittags
Wohl unter mein eignes Dach.

Lebt wohl, ihr drei Geliebten,
Ich hab zwei Beine nur,
Ich will in ländlicher Stille
Genießen die schöne Natur.

Heinrich Heine

 

 

An eine Rose

 

Ewig trägt im Mutterschoße,
Süße Königin der Flur!
Dich und mich die stille, große
Allbelebende Natur;
Röschen! Unser Schmuck veraltet,
Doch der ewge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

Waldfrieden

Mich lockt der Wald mit grünen Zweigen
aus dumpfer Stadt und trüber Luft;
es lockt mit seiner Sänger Reigen,
mit seinem feierlichen Schweigen
und seiner Blüten mildem Duft.
Es wölbt sich stolz der Buchen Krone,
und über Kiesel rollt der Bach;
die Drossel pfeift auf grünem Throne,
es spielt der Wind mit Orgeltone
im dichtverschlungenen Blätterdach.
Und welch ein Reichtum in den Weisen,
die in dem kühlen Waldeszelt
bald in Akkorden, milden, leisen,
und bald in vollern mächtig preisen
die reiche, wunderbare Welt!
Am fernen Abhang stehn die Föhren,
dort ruht der Hirsch im kühlen Tann;
sie stimmen auch in vollen Chören,
um nicht die Harmonie zu stören,
ein feierliches Loblied an.
Es fliegt ein Falke durchs Gehege
mit lautem und mit heiserm Schrei;
den starken Fittich schlägt er träge,
hoch über ihm zieht seiner Wege
ein stolzer königlicher Weih.
Und Stille, wie in Kirchenhallen,
senkt sich auf Waldung, Tal und Flur;
des Abends dunkle Schleier fallen,
im trauten Zwielicht hörst du schallen
den lauten Ruf des Uhus nur.
Dann steigt der Mond mit goldnem Scheine
am blauen Himmelsdom empor
und streut sein Gold rings auf die Haine,
auf Feld und Flur, auf grüne Raine,
und auf das düstre, stille Moor.
Die Ruhe die das All umschlungen,
zieht auch in deine Seele ein;
der innere Zwiespalt ist verklungen,
du hast den Frieden dir errungen,
des Herzens Saiten tönen rein.

Heinrich Zeise

 

 


Der Weise auf dem Lande

O Wald,! o Schatten grüner Gänge!
Geliebte Flur voll Frühlings-Pracht!
Mich hat vom städtischen Gedränge
Mein günstig Glück zu euch gebracht:
Wo ich, nach unruhvollen Stunden,
Die Ruhe, die dem Weisen lacht,
Im Schoose der natur gefunden.
Ich fühle mich wie neugebohren,
Und fang erst nun zu leben an,
Seit, fern vom Trotze reicher Thoren,
Ich hier in Freyheit athmen kann.
Es krieche, wer nach Ehre flieget!
Ich werde nie ein grosser Mann,
Weil ich mich knechtisch nicht geschmieget.
Es mögen andre höher trachten:
Sie mögen, hungrig nach Gewinn,
Im Joche der Geschäfte schmachten,
Da ich der Knechtschaft müde bin!
Sie drängen sich durch List und Gaben
An ihre Ruderbänke hin;
Dieweil sie Sclavenseelen haben.
Du glänzend Nichts! o Rauch der Ehre!
Dich kauf ich nicht mit wahrem Weh.
Mein Geist sey, nach der Weisheit Lehre,
So stille, wie die Sommersee:
So ruhig im Genuß der Freuden,
Als dort, im perlenreichen Klee,
Die unschuldvollen Lämmer weiden!
O seht, wie über grüne Hügel
Der Tag bekränzt mit Rosen, naht!
Ihn kühlen Zephyrs linde Flügel:
Vom Thau glänzt sein beblühmter Pfad.
Wie taumelt Flora durch die Triften!
Die Lerche steigt aus trunkner Saat,
Und singt in unbewölkten Lüften.
Dort, wo im Schatten schlanker Buchen
Die Quelle zwischen Bluhmen schwätzt;
Seh ich die Muse mich besuchen,
Und werde durch ihr Lied ergötzt.
Sie singt entzückt in güldne Saiten,
Indeß, von Morgenthau benetzt,
Die Haare flatternd sich verbreiten.
Noch süsser tönt um frische Rosen
Ihr angenehmes Hirtenrohr;
Und Amor komnt, ihr liebzukosen,
Und ieder Ton entzückt sein Ohr.
Auch er versucht, wies ihm gelinget:
Ein schwaches Murmeln quillt hervor,
Das ungeübte Hand erzwinget.
Geht hin, die ihr nach Golde schnaubet!
Sucht Freude, die mein Herz verschmäht,
Betrügt, verrathet, schindet, raubet,
Und erndet, was die Witwe sät!
Damit, wann ihr in Gold und Seide
Euch unter klugen Armen bläht,dumme Pöbel euch beneide.
Dem Reichthum, bleicher sorgen Kinde,
Schleicht stets die bleiche Sorge nach:
Sie braust, wie ungestüme Winde,
Durch euer innerstes Gemach.
Der sanfte Schlummer flieht Paläste,
Und schwebet um den kühlen Bach,
Und liebt das Lispeln junger Weste.
Mir gnüget ein zufriednes Herze
Und was ich hab und haben muß,
Und, kann es seyn, bey freyem Scherze,
Ein kluger Freund und reiner Kuß:
Dieß kleine Feld und jene Schafe,
Wo, ohne stolzen Ueberfluß,
Ich singe, scherze, küsse, schlafe.

Johann Peter Uz

 

 

 

 

 

Natur und Liebe

Fordre nicht, daß ich mit Worten sage
Was mich quält und peinigt jeden Tag!
Müde bin ich, daß ich keine Worte
Auch von deinen Lippen hören mag.

Menschen haben mir so viel mit Weisheit
Und mit leerem Troste zugesetzt,
Daß vor ihrer wortbehenden Liebe
Wahrlich sich mein scheues Ohr entsetzt.

Laß du mich in deine weichen Hände
Stumm vergraben Stirn und Wangen nur;
Dann empfind' ich schauernd deine Liebe
Wie den leisen Odem der Natur.

Und zu dir zieht mich dieselbe Lockung
Ewigen Friedens, der ich oft gelauscht,
Die aus Quellen flüstert und aus Blumen
Und von hohen, heil'gen Bäumen rauscht.

Otto Ernst
 

 

 

 

Mein täglicher Spaziergang

Nur ein paar Birken, Einsamkeit und Leere,
Ein Sumpf, geheimnisvoll, ein Fleckchen Haide,
Der Kiebitz gibt mir im April die Ehre,
Im Winter Raben, Rauch und Reifgeschmeide,
Und niemals Menschen, keine Grande Misère,
Nichts, nichts von unserm ewigen Seelenleide.
Ich bin allein. Was einzig ich begehre?
Grast ihr für euch, und mir laßt meine Weide.

Detlev von Liliencron
 

 

 

An das Meer

Urfrisches Bild der Jugendzeit
Im goldnen Saum der Ewigkeit,
Das du seit Schöpfungsanfang warst,
Wie du dich heut mir offenbarst!

Du sahst das Erdrund werden alt
Und sich verwandeln mannigfalt –
Auch du oft wechselst dein Gesicht,
Doch deine Seele wechselt nicht!

Du zeigst die ew'ge Schöpferkraft,
Die rastlos aus sich selber schafft,
Stets neue Lebenswellen treibt
Und immer doch die alte bleibt.

Wer deines Herzens Wogenschlag
Und Melodie ergründen mag,
Dem raunst du das Geheimnis zu
Stets jung und alt zu sein wie du!

Friedrich Martin von Bodenstedt

 

 

 

An die Natur

Süße, heilige Natur,
Laß mich geh'n auf deiner Spur,
Leite mich an deiner Hand
Wie ein Kind am Gängelband!

Wenn ich dann ermüdet bin,
Sink' ich dir am Busen hin,
Atme süße Himmelslust
Hangend an der Mutterbrust.

Ach! wie wohl ist mir bei dir!
Will dich lieben für und für;
Laß mich geh'n auf deiner Spur,
Süße, heilige Natur!

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg

 

 

 

Wer stets mit der Natur gelebt,
Von ihr beglückt, mit ihr verwebt,
Das erste Grünen, erste Sprossen
Als tiefersehntes Glück genossen;
Am ersten Glöckchen sich entzückte,
Das grüßend aus der Erde blickte,
Dann an den Veilchen, wilden Rosen,
Bis zu den letzten Herbstzeitlosen: –
Ist, wenn er Achtzig hat vollbraucht,
Zum Leben achtzig Mal erwacht.

Alois Wohlmuth

 

 

 

Schilflied

Sonnenuntergang;
Schwarze Wolken ziehn.
O wie schwül und bang
Alle Winde fliehn!

Durch den Himmel wild
Jagen Blitze, bleich;
Ihr vergänglich Bild
Wandelt durch den Teich.

Wie gewitterklar
Mein ich dich zu sehn
Und dein langes Haar
Frei im Sturme wehn!

Nikolaus Lenau

 

 

 

Offenbarung

Natur spricht laut in Wort und Schrift
Du mußt nur Windeswehen
Und Duft und Klang und Wald und Trift
Und Fels und Meer verstehen!

Ein jeder Baum, der braust in Wettern,
Und jede Blume auf der Flur,
Und jeder Zweig ist voll von Blättern
Der Offenbarung der Natur.

Auf jedem Blatt steht licht und offen:
"O glaub' an helle Frühlingsluft!"
Auf jedem Blatt steht grünes Hoffen,
Still flüsternd um die Blumenbrust.

Auf jedem Blatt steht groß geschrieben:
"Der Geist der Lieb' durchweht die Flur!"
Auf jedem Blatt steht: "Lieben! lieben!"
Als Offenbarung der Natur.

Hermann Rollett

 

 

 


Im Walde

Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige hängen nieder;
Darunter sitzt das Kind.

Sie sitzt im Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft;
Die blauen Fliegen summen
Und blitzen durch die Luft.

Es steht der Wald so schweigend,
Sie schaut so klug darein;
Um ihre braunen Locken
Hinfließt der Sonnenschein.

Der Kuckuck lacht von ferne,
Es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
Der Waldeskönigin.

Theodor Storm

 

 

 

An die Natur

Erscheine mir im Taggewand,
Im Nachtgewand, Natur!
Reich deinem Sohn die Mutterhand,
Ihm einen Finger nur!

Dich zu erkennen, welch ein Glück,
Zu fühlen, welche Lust!
Natur! Entwölke meinen Blick,
Enthülle deine Brust!

Ein Strahl von dir umleuchte mich,
Ich sitze oder geh'!
Still steh' mein Odem, wenn ich dich
Im Menschenantlitz seh'!

Johann Kaspar Lavater

 

 

 

Die Allee

Ich liebe die graden Alleen
mit ihrer stolzen Flucht.
Ich meine sie münden zu sehen
in blauer Himmelsbucht.

Ich bin sie im Flug zu Ende
und land' in der Ewigkeit.
Wie eine leise Legende
verklingt in mir die Zeit.

Mein Flügel atmet Weiten,
die Menschenkraft nicht kennt:
Groß aus Unendlichkeiten
flammt furchtbar das Firmament.

Christian Morgenstern

 

 

 

 

Heidenacht

 

Wenn trüb das verlöschende letzte Rot
Herschimmert über die Heide,
Wenn sie liegt so still, so schwarz und tot,
so weit du nur schauest, die Heide,
Wenn der Mond steigt auf und mit bleichem Schein,
Erhellt den granitnen Hünenstein,
Und der Nachtwind seufzet und flüstert darein
Auf der Heide, der stillen Heide. –

Das ist die Zeit, dann mußt du gehn
Ganz einsam über die Heide,
Mußt achten still auf des Nachtwinds Wehn
Und des Mondes Licht auf der Heide:
Was nie du vernahmst durch Menschenmund,
Uraltes Geheimnis, es wird dir kund,
Es durchschauert dich tief in der Seele Grund
Auf der Heide, der stillen Heide.

Hermann Ludwig Allmers

 

 

 

Abend im Frühherbst

 

Weit ausgegossen liegt das breite Land.
Der Himmel taucht den Scheitel noch ins Licht,
Doch seitlich hebt gelassen eine Hand
Die dunkle Maske Nacht ihm ins Gesicht.

Viel fette Lämmer weiden auf der Flur,
In Gärten steht das Kraut in seiner Fülle,
Herbstwälder ziehn als eine goldne Spur,
Am Baum die Frucht glänzt prall in ihrer Hülle.

Es ist der letzte dieser kurzen Tage:
All Ding steht reif und rund und unbewegt
Schwebend in sich gebannt wie eine Waage,
Die Tod und Leben gleichgewichtig trägt.

Maria Luise Weissmann

 

 

 

Natur gehet für die Lehr

Art lässet nicht von Art, die Katze läßt das Mausen,
Der Dieb das Stehlen nicht, die Affen wollen laufen,
Der Garten bringt sein Kraut, der Hirte treibt fürs Thor,
Was ehmals Wasser war, wird Wasser wie zuvor.
Salz komt aus Wasser her, es quillet aus der Erden,
Kan auch mit schlechter Müh' ein Wasser wiedrum werden,
Und weil denn Eis und Schnee aus Wasser ist gemacht,
So wird es auch sehr leicht ins Wasser wieder bracht.
Die Katz' hält zwar das Licht, wann Salomo will essen;
Erblicket sie die Maus, so ist des Lichts vergessen,
Und wann Marcolphus gleich noch eins so zornig wär,
Bleibt doch mein Sprichwort wahr: Natur geht für die Lehr.

Johann Rist

 

 

 

Novemberlied

Novembernebel füllen
Mit feuchtem Grau das Thal,
Als wollten sie verhüllen
Die Erde, kahl und fahl.

Mit seinem dunklen Saume
Gespenstisch ragt der Wald,
Daraus, so wie im Traume,
Von fern die Axt erschallt.

Den Pfad mit kühlem Hauche
Umwittert ödes Weh',
Verwaist am dorn'gen Strauche
Bebt Hagebutt' und Schleh'.

Wohin die Schritte streben,
Versinkt der Fuß im Koth –
Mühselig ist das Leben
Und traurig wie der Tod.

Ferdinand von Saar

 

 

 

Der Caucasus

Mir zu Häupten Wolken wandeln,
Mir zur Seite Luft verwehet,
Wellen mir den Fuß umspielen,
Thürmen sich und brausen, sinken. –
Meine Schläfe, Jahr' umgauklen,
Sommer, Frühling, Winter kamen,
Frühling mich nicht grün bekleidet,
Sommer hat mich nicht entzündet,
Winter nicht mein Haupt gewandelt.
Hoch mein Gipfel über Wolken
Eingetaucht im ew'gen Äther
Freuet sich des steten
Lebens.

Karoline von Günderode

 

 

 


Unser Leiden, unsre Wonnen
Spiegelt uns die Allnatur,
Ewig gilt es unsrer Spur,
Alles wird zum Gleichnisbronnen.

Erstes Grün der frischen Flur
Mahnst an Neigung zart begonnen,
Heißes Sengen reifer Sonnen
Bist der Liebe Abglanz nur!

Schlingt sich um den Baum die Winde,
Denken wir an uns aufs neue,
Sehnen uns nach einer Treue,
Die uns fest und zärtlich binde ...
Und wir fühlen uns verwandt,
Wie wir unser Bild erkannt.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Weg im Nebel

Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan,
Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.

Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer,
Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.

Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht
Das Wesenlose aus den fahlen Gründen
Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.

Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum,
Flieh'n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden,
Es fliehst du, Herz. Es floh'n die Zeit, der Raum.

Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum.
Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden,
Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.

Maria Luise Weissmann

 

 

 

 

Der Winter ist eine ehrliche Haut,
Ein alter Poldrian;
Wie zornig er mir ins Auge schaut,
Blick ich ihn wiederum an!

Sein Blut ist kühl und starr wie Eis,
Doch nie seine Treue wankt;
Wie oft hab ich mich nächtlicherweis
Mit ihm herumgezankt!

Da rüttelt er mir am Gartentor
Und stampft auf den Beeten herum,
Er schimpft mich einen sanguinischen Tor,
Leichtgläubig und herzlich dumm!

Viel Hoffnungen zieh ich in Scherben auf
Am kalten Sternenschein,
Da ist er besonders versessen drauf
Und stürmt auf sie herein.

Ich balge mich immer, so gut ich kann,
Um jedes grüne Reis;
Er aber entrupft sie, der harte Mann,
Den Scherben büschelweis.

Doch die mir der Alte stehenläßt,
Die sind erprobt und gefeit!
Die sind gelenzet und frühlingsfest
Und der Erfüllung geweiht!

Gottfried Keller

 

 

 

Ein Morgen im Walde.

 

Dunkle Waldesbäume,
Wie sind sie so hold,
Weht durch grüne Bäume
Morgensonnengold.

Efeuzweige ranken
Sich durch's weiche Gras,
Glockenblumen schwanken
Ohne Unterlaß.

Schlanke Stämme breiten
Ihre Wipfel aus,
Heil'ge Schauer gleiten
Durch dies Gotteshaus.

Waldeslust und -leben,
Drüber Himmelsblau!
All dies Blüh'n und Weben
Spiegelt sich im Tau.

Will dein Herz ergrimmen
Ob dem Tun der Welt
Hör des Waldes Stimmen,
Such sein grünes Zelt!

Dort wirst du erhalten
Lautres Wort des Lichts,
Und der Menschen Walten
Sinkt vor ihm ins Nichts!

Eugenie Marlitt
 

 

 

 

Rotkehlchen

Schwalben waren schon lang
Fort und auf der Reise,
Nur ein Rotkehlchen sang
Lieblich und leise
Unter dem Dach
Eines Hauses, das, halb zerstört,
Allmählich zusammenbrach.
Es wurde von niemand gehört,
Und dennoch sang es. Das Moos
Wuchs auf der Schwelle,
Die Steine bröckelten los,
Des Abendlichtes Helle
Schlief in den Zimmern allein,
Die Stürme gingen aus und ein
In dem großen verödeten Gang,
Aber das Rotkehlchen sang.
Lust und Freude war entflohn,
Alles war aus,
Es wußte nichts davon;
Es sang im öden, verfallenden Haus
Mit einem eignen lieblichen Ton.

Hermann Ritter von Lingg

 

 

 

Mir ist so wohl, so weh'
Am stillen Erlafsee;
Heilig Schweigen
In Fichtenzweigen,
Regungslos
Der blaue Schoß,
Nur der Wolken Schatten flieh'n
Überm glatten Spiegel hin,
Frische Winde
Kräuseln linde
Das Gewässer
Und der Sonne
Güldne Krone
Flimmert blässer.
Mir ist so wohl, so weh'
Am stillen Erlafsee.

Johann Baptist Mayrhofer
 

 

 

 

Liebesblüte der Natur

Liebesblüte der Natur,
Schönste Blume dieser Flur!
Wo ich suche deine Spur,
Find’ ich meine Thränen nur.

Meine Thränen find’ ich nur
Und die Trauer der Natur,
Daß die Blume dieser Flur
Weggegangen ohne Spur.

Weggegangen ohne Spur!
Nach dir bleibt mein Seufzer nur,
Und ein Schauer der Natur,
Machend Herbst auf Sommerflur.

Mach, o Herbst, auf Sommerflur,
Sichtbar jede Todesspur!
Denn ein Schmuck des Todes nur
Ist die Blüte der Natur.

Liebesblüte der Natur!
Auf der Flur
Deine Spur sind Thränen nur.

Friedrich Rückert

 

 

 

Die Wetterwolke
– Eine Impression aus dem Bliestal –

Hinten am Horizont
Steht wie ein ungeheures Schreckbild
Eine schwere schnaubende Wolke.
Heisser glühender Sand
Fährt in die Pausen
Sengend durch die Luft.
Was willst du hier und woher kommt du?
Aus welcher Gegend hast du dich verirrt
In meiner Heimat stilles Wiesental,
wo klein und unscheinbar die Blumen stehen
und die friedlichen Obstbäume blühen,
denen du bange machst?
Was willst du hier, du Wüstengeist?
Willst du Feuer niederregnen
Auf dies blühende Eden meiner Kinderträume,
dass die grünen Halme verdorren
und ihre Würzlein sich zum Tageslicht kehren?
Duckt euch, ihr Blumen und Pflanzen all
Und du buntes Getier!
Werft euch zu Boden und haltet den Atem an,
wenn es vorüberzieht,
das fremde feindliche Ungetüm!
Mag es die Meere aufwühlen,
dass die Bronnen der Erde rauchen!
Denn dort steht Kraft gegen Kraft
Und die Kräfte sind gleich!
Aber du, mein Tal,
wo die Zufriedenheit wohnt,
halte den Atem an,
dass du den Gluthauch nicht spürst,
bis es vorrüber ist -
bis die Rosenwölkchen der Abendsonne
deinen Himmel verklären!

Ludwig Scharf

 

 

 

 

Lupin' ist ein wunderlich Blümchen,
Es lächelt ins Leben hinein,
Und denkt nicht an morgen und gestern,
Gibt heut ihm die Sonne nur Schein.

Daß still hier im Tale des Lebens
An ihm auch dein Herz sich erfreut,
Hat freundlich der ewige Gärtner
Es dir in das Leben gestreut.

Louise Hensel
 

 

 

 

Menschliches Wissen

Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,
Weil du in Gruppen fürs Aug ihre Erscheinungen reihst,
Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,
Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die große Natur.
So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,
Daß in dem ewigen Raum leichter sich finde der Blick,
Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,
Aneinander im Schwan und in den Hörnern des Stiers.
Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,
Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium zeigt?

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Mächtige deutsche Pappel

Vor meinem Fenster steht ein Baum,
Ich sah ihn manche Jahre grünen.
Das Leben steigt, das Leben fällt,
Was kümmert das den alten Hünen.

Im Herbst, da taumeln nach und nach
Müde die Blätter von den Zweigen.
Doch schlägt die Drossel, dann erwacht
Der Winterwald aus Schlaf und Schweigen.

Und wieder Herbst. Es stirbt das Laub,
Das noch vor Wochen sommergrüne;
Doch nächstes Jahr, im Ostertraum –
Was raunt der alte finstre Hüne?

Detlev von Liliencron

 

 

 

O dies einsame Gehn
Nun schon Stunden so hin ...
Wer sagt, wo ich bin? –
Und was mir geschehn? –

Wie der Weg sich verläuft! –
Geh ich recht, geh ich irr?
In der Zweige Gewirr
Die Sonne verträuft.

– Wie ihr Licht so entwich
In fliehendem Schein,
Waren beide allein
Wir: der Wald und ich ...

John Henry Mackay

 

 

 

Auf hoher Insel

Auf hoher Insel
steh ich alleine.
Düne und Steine
sind nicht zu befragen.
Ewig zerrinnen
Wellen und Sand.

Aber die Göttin
liebender Nächte
tröstet den Frager
und in der Seele
öffnet sie innen
Hafen und Land.

Rudolf Georg Binding

 

 

 

Auf alle Höhen
Da wollt' ich steigen,
Zu allen Tiefen
Mich niederneigen.
Die Nah und Ferne
Wollt' ich erkünden,
Geheimste Wunder
Wollt' ich ergründen.
Unendlich Schweifen,
Im ew'gen Streben,
Ein Nieergreifen –
Das war mein Leben.
Nun ist's geschehen; –
Aus allen Räumen
Hab' ich gewonnen
Ein holdes Träumen.
Nun sind umschlossen
Im engsten Ringe,
Im stillsten Herzen
Weltweite Dinge.
Lichtblauer Schleier
Sank nieder leise;
In Liebesweben,
Goldzauberkreise –
Ist nun mein Leben.

Wilhelm Raabe

 

 

 

In der Sommernacht

Mit großen Augen blick ich in die Nacht.
Der Schmerz hält bei mir seine treue Wacht
und schaut mich an in tiefer, heiliger Ruh.
Der Sommerwind trägt durch mein Fensterlein
von reifen Ähren mir den Duft herein, –
und unter Tränen lächle ich dazu.

Ein banger Seufzer zittert durch die Flur.
Mir ist, als sänge leise die Natur
das Rätsellied vom Werden und vom Sein.
Geheimnisvoll weht es durch mein Gemach;
ich singe träumend ein paar Töne nach, –
und unter Tränen lächelnd schlaf ich ein.

Frida Jung

 

 

 

 

Waldstimme

Wie deine grüngoldenen Augen funkeln,
Wald, du moosiger Träumer!
Wie so versonnen deine Gedanken dunkeln,
Saftstrotzender Tagesverträumer,
Einsiedel, schwer vom Leben!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben:
Wie's Atem holt
Und näher kommt
Und braust,
Und weiter zieht
Und stille wird
Und saust!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Hoch droben steht ein ernster Ton,
Dem lauschen tausend Jahre schon,
Und werden tausend Jahre lauschen.
Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.

Peter Hille

 

 

 

Ewig wechselt der Wille den Zweck und die Regel, in ewig
Wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um.
Aber jugendlich immer, in immer veränderter Schöne
Ehrst du, fromme Natur, züchtig das alte Gesetz,
Immer dieselbe, bewahrst du in treuen Händen dem Manne,
Was dir das gaukelnde Kind, was dir der Jüngling vertraut,
Nährest an gleicher Brust die vielfach wechselnden Alter;
Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün
Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter,
Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 


Rings aus den Tälern tief drunten
Haucht schon der Friede gelinde.
Es schreiten die Winde
Den Reigen über die Gipfel, den Wolken verbunden,
Und raunen dazu die ewigen Weisen.

Aber mit leisen
Füßen naht sich dir des Abends Trauer.
Vom Strome drüben steigt ein fremder Schauer
Zu dir hinauf; der ist
Wie die Erinnerung an einen fernen Freund –

Hin zu Entfliehendem führt letzter Schein
Den Blick ins Weite.
Dann füllt das Dunkle die Gebreite,
Und du bist allein.

Rudolf Georg Binding

 

 

 

Leise von den Alleen
Ergriffen, rechts und links,
Folgend dem Weitergehen
Irgendeines Winks,

Tritts du mit einem Male
In das Beisammensein
Einer schattigen Wasserschale
Mit vier Bänken aus Stein;

In eine abgetrennte
Zeit, die allein vergeht.
Auf feuchte Postamente,
Auf denen nichts mehr steht,

Hebst du einen tiefen
Erwartenden Atemzug;
Während das silberne Triefen
Vor dem dunkeln Bug

Dich schon zu den Seinen
Zählt und weiterspricht.
Und du fühlst dich unter Steinen,
Die hören, und rührst dich nicht.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

Weiß die Natur noch den Ruck,
Da sich ein Teil der Geschöpfe
Abriß vom stetigen Stand?
Blumen, geduldig genug,
Hoben nur horchend die Köpfe,
Blieben im Boden gebannt.

Weil sie verzichteten auf
Gang und gewillte Bewegung,
Stehn sie so reich und so rein.
Ihren tiefinneren Lauf,
Voll von entzückter Erregung,
Holt kein Jagender ein.

Innere Wege zu tun
An der gebotenen Stelle,
Ist es nicht menschliches Los?
Anderes drängt den Taifun,
Anderes wächst mit der Welle, –
Uns sei Blume-sein groß.

Rainer Maria Rilke
 

 

 

Künstlers Abendlied

Ach, daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle!
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle!

Ich zittre nur, ich stottre nur,
Und kann es doch nicht lassen;
Ich fühl, ich kenne dich, Natur,
Und so muß ich dich fassen.

Bedenk ich dann, wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er, wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet;

Wie sehn ich mich, Natur, nach dir,
Dich treu und lieb zu fühlen!
Ein lustger Springbrunn wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen.

Wirst alle meine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Abzuschaffen geschärfte Todesarten,
Abzustellen den Graus der Folterkammern,
War wol unseren aufgeklärten Zeiten
Vorbehalten zu einem Ruhm. Doch leider
Daß unschuldige Menschenleben gleichwohl,
Von Krankheiten gespannt auf Folterbetten,
Schwerem langsamem Tod entgegen schmachten!
Ach wenn menschlicher auch die Menschen wurden,
Unsre Mutter Natur, sie ist bei ihrer
Alten heiligen Barbarei geblieben.

Friedrich Rückert

 

 

 

In den Bergen

Felsen in den Lüften oben,
Freut euch, daß ihr hoch erhoben
Über dieser Erde steht!
Daß vom lärmenden Getöse
Dieser nicht'gen Weltengröße
Kaum ein Nachhall zu euch weht.

Ferne von des Tages Mühen
Ragt ihr auf in reinem Glühen,
Wenn schon Nacht das Thal verhüllt.
Noch ist uns das Licht verborgen,
Wenn der Sonne Glanz am Morgen
Eurer Rosen Kelch erfüllt.

Stumm von Ewigkeit gethürmte,
Schnee- und wieder föhnumstürmte
Reicht ihr in den Äther hin!
Eure Gipfel sind im Blauen,
Wenn zu Füßen auch die grauen
Dunkeln Wetterwolken zieh'n.

Martin Greif

 

 

 

Meisenglück

Aus dem gold'nen Morgen-Qualm
Sich herniederschwingend,
Hüpft die Meise auf den Halm,
Aber noch nicht singend.

Doch der Halm ist viel zu schwach,
Um nicht bald zu knicken,
Und nur, wenn sie flattert, mag
Sie sich hier erquicken.

Ihre Flügel braucht sie nun
Flink und unverdrossen,
Und indeß die Füßchen ruh'n,
Wird ein Korn genossen.

Einen kühlen Tropfen Thau
Schlürft sie noch daneben,
Um mit Jubel dann in's Blau'
Wieder aufzuschweben.

Christian Friedrich Hebbel
 

 

 


Befreundete Frucht

Endlich Süße! Jeder Bissen
In dein Fruchtfleisch läßt mich wissen:
Für dein einiges Gebilde,
Lange bitter, – später milde,
Stetig gleich warst du beflissen.

Ahnte dir die künft'ge Wendung?
Fremd noch deiner reifen Sendung,
Kaum im Mittag Süßes witternd,
Blindlings drangst du auf Vollendung.

Köstlich, da die Himmel kalten,
Nur vom Netz am Ast gehalten
Und bedroht von Vogelflügen
Bist im Saft du aufgestiegen,
Luft und Stille zu gestalten.

Eugen Gottlob Winkler

 

 

 

Manchmal geschieht es in tiefer Nacht,
Daß der Wind wie ein Kind erwacht,
Und er kommt die Allee allein
Leise, leise ins Dorf herein.

Und er tastet bis an den Teich,
Und dann horcht er herum:
Und die Häuser sind alle bleich,
Und die Eichen sind stumm ...

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Unfall

Ich ging bei Nacht einst über Land,
ein Bürschlein traf ich draußen,
das hat 'nen Stutzen in der Hand
und zielt auf mich voll Grausen.
Ich renne, da ich mich erbos',
auf ihn in vollem Rasen,
da drückt das kecke Bürschlein los
und ich stürzt' auf die Nasen.
Er aber lacht mir ins Gesicht,
daß er mich angeschossen,
Cupido war der kleine Wicht
das hat mich sehr verdrossen.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Die Raben

Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.

O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören

Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.

Georg Trakl

 

 

 

 

Gebet der Ähre

Herr, ich harre deiner Sonne Glut;
sieh mein Leben, das im Schatten ruht!
Niederwarf mich deiner Stürme Heer;
tief am Boden lieg' ich regenschwer.
Herr, so gern trüg' ich den Armen Korn;
gieße nieder deines Lichtes Born,
eh' mich tiefer noch die Windsbraut tritt:
Herr, jetzt bangt mir vor der Sichel Schnitt,
vor dem Sinken in die finstre Nacht
Als ein Halm, der keine Frucht gebracht!
Herr, gebiete deiner Stürme Wehn,
laß mich wieder deine Sonne sehn;
laß mich wachsen ohne Ruh' und Rast,
bis mich beugt der eignen Fülle Last ...
Träum' ich golden dann im Julilicht,
reif und schwer, fürcht' ich den Schnitter nicht.
Klingt die Sense durch die Sommerruh',
fall ich still der großen Ernte zu!

Paul Grotowsky

 

 

 

 

Vorüber

Nun ist es vorüber,
Nun ist es geschehn,
Die Donner verrollen,
Die Wolken verwehn.

Es leuchtet, es blitzet
Die Wiese, der Wald.
Was eben noch dunkel,
Wie hellt's sich so bald!

Nun ist es geschehen,
Nun ist es getan!
Es war ja ein Traum nur,
Es war nur ein Wahn!

Vom Zweige es träufet,
Die Wimper ab auch;
wie funkeln die Tropfen
An Blättlein und Aug'!

Wie leuchtet die Sonne
Mit glänzendem Schein,
Über Berg, über Tal,
Ins Herz mir hinein!

Wilhelm Raabe

 

 


Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ists mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Vogelsang

Vogelstimme, wunderbar
Rührst du mir die Seele!
Wie entspringst du warm und wahr,
Weil die Liebe dich gebar,
Freudevoll der Kehle!

Wo hast deine Weisen du,
Volk der Luft, gefunden?
Ging ein Sänger einst zur Ruh,
Hat dir Seel' und Lied dazu
Sterbend überbunden?

Jakob Boßhart

 

 

 

 

Die Lerche

Strahlend im heitersten Blau steht die Sonne;
Aber früh noch ist es im Lenz
Und eisige Lüfte hauchen noch
Von den Bergen herüber,
Wo hartnäckig der Winter sich fest gefroren
In tannenumdunkelten Klüften.

Dennoch vom erstarrten Blachfeld
Schwingt sich mit kämpfendem Flügel
Die Lerche empor,
Hin und her geschleudert vom Sturm,
Aber die jauchzende Brust umfunkelt
Vom ewigen Licht –
Schwing' dich ihr nach, du mein geflügeltes Lied!

Ferdinand von Saar

 

 

 

Nachhall

»Siebenfacher Widerhall
Springt von jenen Felstenstürzen,«
Sprach der Führer, »prüft einmal,
's mag den öden Weg uns kürzen.«

Meinen Namen warf ich hin
An die grau getürmten Wände,
Ob er sich verlöre drin,
Oder seinen Rückweg fände.

Und er kehrte, erst voll Kraft,
Dann auf immer leisern Schwingen,
Um allmählich geisterhaft
In den Höhen auszuklingen.

Jakob Boßhart

 

 

 

Das Epheu spricht:
Mein Blüh'n wird nicht
Vom Farbenschmuck verklärt,
Bin zäh und schlicht
Und halt' mich dicht
Zum Stamm, der mich ernährt.
Doch Sommers grün
Und Winters grün
Und grün in's späte Alter,
Freut mehr denn glüh'n,
Buntfarbig sprüh'n
Und sterben mit dem Falter.

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

Am Waldsaum

Mich führt allmorgen mein Andachtsgang
Durch die leuchtenden Wiesen zum Baum
Am Saum des Walds zu der einsamen Bank,
Sie steht dort als wie im Traum.

Waldboden, schattig, doch sonnfleckenhell,
Du bist hier noch schimmernde Au,
Waldanfang und -Ende durchmurmelt vom Quell,
Dem Auge seligste Schau.

O Grün der Wiesen, o Grün des Walds,
Bin ich denn wert euch zu sehn?
Schweig! rauscht der Wald, lausch uns, so schallt's,
Dann wird dir das Wunder geschehn!

Da kam den sonnigen Wiesenpfad
Ein Weib aus dem Volke daher,
Bekreuzt sich, da sie den Wald betrat
Als ob er die Kirche wär!

So trat sie ins Waldesrauschen hinein.
Doch ich hab' am Waldsaum gekniet:
Du Wiese und Wald, ihr macht mich noch rein!
Eine Träne fällt mir vom Lid …

Hugo Salus

 

 

 

 

 

 

Vom wilden Lärm der Städte fern,
Im kühlen Hain weht Geist vom Herrn:
Es ist der Andacht stiller Geist,
Der uns dem Weltgewühl entreißt,
In heil'ger Gluth die Herzen läutert,
Und den Gedankenkreis erweitert.
Wer Einsamkeit, die hehre, scheut,
Wen eitler Thorheit Glanz erfreut,
Wen nimmer die Natur entzückt,
Wer keinen Freund an's Herz gedrückt;
Für den ist Gottes Geist verloren,
Er ward der Erde nur geboren.

Konrad Georg Friedrich Elias von Schmidt-Phiseldeck

 

 


Die weißen Nebel

Die weißen Nebel umschwimmen den Morgenwald.
Der Wald, der sonst in Felder schaut,
Steht wie ein finster Haus aus Luft gebaut.

Die Blätter schleppen noch Tropfen und Grau,
Es regnet Nebel und regnet Tau.
Die Nebel umwaschen den Waldesrand,
Jedes Blatt wird eine gebadete Hand.

Gerade und senkrecht stehen die Eichen,
Die dem Morgen die eisernen Hände reichen.
Es öffnet der Morgen die Waldtore breit,
Und alle Wege sind sicher und weit.

Hell sieht Dein Auge die Ferne kommen,
Dein Blut hat frischen Schritt genommen.
Und der Morgen geht Dir durch den Leib,
Als wär' er die Sehnsucht von einem Weib.

Max (Maximilian Albert) Dauthendey

 

 

Natur ist glücklich…

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

Rainer Maria Rilke
 

 

 

Ob irdisch Glück und Liebe
Wie Spreu im Sand verweht,
Ob noch so wenig bliebe
Im Wechsel, das besteht, –
Natur, die ewig gleiche,
Beut ihren Freudenschatz,
Und Kunst, die üppig reiche,
Beglückt uns zum Ersatz.
Und wer von Herzensgrunde
Die beiden liebgewinnt,
Bleibt bis zur letzten Stunde
Ein glücklich Menschenkind.

Adelheid Stier

 

 

 

Der Zackenfall

Brausend stürzt sich die Flut in die dunkle, schwindelnde Tiefe,
Und im silbernen Schaum bricht sich die Farbe des Lichts.
Ewig verjüngt sich der Fall; es drängt sich Woge auf Woge,
Und seit Jahrtausenden kämpft hier mit den Fluten der Fels.
Aber umsonst strebt er dem Elemente entgegen,
Und der ewige Kampf bleibt das Gesetz der Natur.
Stolz wie die brausende Flut, so das kühne Streben des Jünglings,
Das durch des Schicksals Nacht mutig den Mutigen reißt.
Hell fließt, wie nach dem Sturze der Bach, nach den Kämpfen der Jugend
Ihm auch des Lebens Strom rein und kristallhell dahin.

Karl Theodor Körner
 

 

 

 

 

 


Am Moor

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

Georg Trakl

 

 

 

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
Weiße, höfliche Manschetten,
Sanfte Reden, Embrassieren –
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

Herzen in der Brust, und Liebe,
Warme Liebe in dem Herzen –
Ach, mich tötet ihr Gesinge
Von erlognen Liebesschmerzen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle,
Glatte Herren! Glatte Frauen!
Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Die Erdbeere

Bei heißen Sonnenbränden,
Du Beere, duftig, roth,
Mit nimmermüden Händen
Pflückt dich das Kind der Noth.

Es sieht die Fülle prangen
Und unterdrückt dabei
Das eigene Verlangen,
Wie mächtig es auch sei.

Gehäuften Topf und Teller
Trägt es zum Händler dann;
Der geizt noch mit dem Heller –
Er ist ein kluger Mann.

Doch nicht bei seines Gleichen
Vollendet sich der Kreis:
Erst auf dem Tisch des Reichen,
Der zu bezahlen weiß.

So wird zur Menschenhabe
Und dient dem Wucher nur
Selbst deine frei'ste Gabe,
O liebende Natur!

Ferdinand von Saar

 

 

 

Die Felswand

Feindselig, wildzerrissen steigt die Felswand.
Das Auge schrickt zurück. Dann irrt es unstät
Daran herum. Bang sucht es, wo es hafte.
Dort! über einem Abgrund schwebt ein Brücklein
Wie Spinnweb. Höher um die scharfe Kante
Sind Stapfen eingehaun, ein Wegesbruchstück!
Fast oben ragt ein Tor mit blauer Füllung:
Dort klimmt ein Wanderer zu Licht und Höhe!
Das Aug verbindet Stiege, Stapfen, Stufen.
Es sucht. Es hat den ganzen Pfad gefunden,
Und gastlich, siehe, wird die steile Felswand.

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

Abendlied an die Natur

Hüll mich in deine grünen Decken
Und lulle mich mit Liedern ein!
Bei guter Zeit magst du mich wecken
Mit eines jungen Tages Schein!
Ich hab mich müd in dir ergangen,
Mein Aug ist matt von deiner Pracht;
Nun ist mein einziges Verlangen,
Im Traum zu ruhn durch deine Nacht.

Der Kindesaugen freudig Leuchten
Schon fingest du mit Blumen auf,
Und wollte junger Gram sie feuchten,
Du legtest weiche Lindrung drauf.
Ob wildes Hassen, maßlos Lieben
Mich seither auch gefangen nahm,
Bin ich doch immer Kind geblieben,
Wenn ich zu dir ins Freie kam!

Geliebte, die mit ew'ger Treue
Und ew'ger Jugend mich erquickt,
Du einz'ge Lust, die ohne Reue
Und ohne Nachweh mich entzückt!
Sollt ich dir jemals untreu werden,
Dich kalt vergessen, ohne Dank:
Dann ist mein Fall wohl nah auf Erden,
Mein Herz verdorben oder krank!

O steh mir immerdar im Rücken,
Bin ich im Feld mit meiner Zeit!
Mit deinen hellen Mutterblicken
Ruh auf mir, auch im wärmsten Streit!
Und sollte mich mein Stündlein finden,
Schnell decke mich mit Rasen zu!
O selig Sterben und Verschwinden
In deines Urgrunds tiefste Ruh!

Gottfried Keller

 

 

 


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